Zurück zur Liste

[no title]

Teddy : 2011-07-20 17:44:06

Mal was, was Spass macht.
Google Alerts stieß ich mich auf folgende Web-Veröffentlichung zum Thema Anagramm:
http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/zeitgeschichte/armin-risi/der-goethe-code-und-schillers-tod-entdeckung-einer-anagramm-botschaft-im-faust-ii-teil-2.html
Der Autor behauptet darin, dass im Ur-Faust (2. Teil) eine Anagramm-Botschaft von Goethe höchstselbst versteckt sei, die den Tod von Schiller beschreibt.
Die Zeitschrift ist glücklicherweise ausverkauft (wer gibt dafür Geld aus? Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben...), wir kommen dennoch in den Genuss, die Gedankengänge online lesen zu dürfen. Bevor es also hier weitergeht, empfehle ich das Studium dieser Zeilen. Es sind nicht viele, das haltet ihr schon aus. Danach gehts hier weiter...

Gelesen? Gut. Verschwörungstheoretiker verlangen gerne einen Gegenbeweis zu ihren Ideen, lassen wir es mal beiseite, dass dies nicht erforderlich ist, da immer zuerst die Behauptungen schlüssig bewiesen werden müssen. Die verqueren Gedankengänge von Risi, die Auslassungen an wichtigen Stellen, das Verdrehen von Tatsachen, das übersteigerte Selbstbewusstsein in der Ausdrucksweise ("sensationell" ist ein oft verwendetes Wort. Wenn man das so oft benutzt, wenn man über seine eigenen Errungenschaften spricht, ist Vorsicht angesagt.)
Gehen wir nur auf die Ergebnisse seiner Wortspielereien ein, die haben dann nämlich was mit Anagrammen zu tun.

Die 2. Zeile: Aengstlich Flügelflatterschlagen
Die "Lösung" des Anagramms mit wilden sprachlichen Verrenkungen ist eine typische Unart: ich habe nichts dagegen, dass das Wort Fatalstat (Fatals-Tat wäre schriftbildlich einfacher) in diesem Zusammenhang erfunden und verwendet wird, aber dann bitte nur als die eigenen Gedanken unterzeichnende Wortschöpfung. Keinesfalls ist das eine gebräuchliche Umschreibung für Tod/Mord/Verbrechen/etc, weder heutzutage noch zu Goethes Zeiten. Goethe wird auch über Schiller mehr gedacht und gesagt haben als gerade "Lichtgestalt". Einen Textbeleg für dieses Wort in Aufzeichnungen Goethes hätte ich dann auch gerne, und zwar in einer quantitativ und qualitativ so auffälligen Art und Weise, so dass man auch wirklich glauben kann, dass dies Goethe als Hauptmerkmal von Schiller ansah. Ich bezweifle es erstmal (und muss das auch nicht begründen, s.o.). Somit ist das vom Verfasser "ermittelte" Anagramm -wie immer- nur EINE Möglichkeit. Hier sind mal zwei andere von mir:

Aengstlich Flügelflatterschlagen = Schiller-Schlaganfall: Fett genuegte.
Nun, das wäre eine andere Art, einen Tod in einem Anagramm zu codieren. Die Bedeutungsschwere jedes einzelnen verwendeten Wortes inklusive Antworten für jeden Widerlegungsversuch sind leicht zu konstruieren.

Aengstlich Flügelflatterschlagen = Schiller gellte laut: Gefangenschaft!
Oder vielleicht fühlte Schiller sich in seinem Körper/Geist ja auch nicht mehr wohl... Belassen wir es dabei, die Idee wird klar: alles ist machbar. Umso mehr Buchstaben zur Verfügung stehen, umso leichter wird es, beliebige Deutungen anagrammatisch auszudrücken. Man muss es nur können.

Die 3. Zeile: Welch ein Aechzen, welch Gestöhn
Über die "Beweisführung" der Symptome Schillers Krankheit lasse ich mich hier nicht aus. Anagrammatisch kann ich aber mitreden.

Welch ein Aechzen, welch Gestöhn = Gezielt chancenlose Wehwehchen.
Wäre ja auch ein Hinweis, dass dem guten Schiller was angetan wurde. Dazu noch in gutem Deutsch, nicht grade goethehaft, zugegeben, aber immer noch besser als der Versuch des Verfassers.

Welch ein Aechzen, welch Gestöhn = Leiche-Geschwaetz: Wonnehecheln.
Aha, es war ein schöner Tod im Akt. Eindeutig. Unwiderlegbar. Das Anagramm sagt es. Und Goethe wusste es.
Die sicherlich rhetorische Schlussfrage des Absatzes ("Alles nur Zufall?") beantworte ich: nicht ganz Zufall, sondern bewusste/unbewusste Steuerung der Anagramm-Aussage durch den Anagrammierer.


Die 4. Zeile : Dringt herauf zu unsern Höhn
Auch hier ist die Erklärung für den Inhalt des Anagramms wirr und nicht nachvollziehbar. Aber mir geht es ja darum, auch Alternativen aufzuzeigen:

Dringt herauf zu unsern Höhn = Drahtzieher? Nun, Rhone-Fungus!
Die ganzen Symptome der Krankheit deuten doch nun wirklich auf eine Pilzvergiftung (selbstverständlich eine französische Rhone-Pilzart!) hin.


Oder um den Gedanken des Ablebens beim Akt fortzuführen:
Dringt herauf zu unsern Höhn = Hurensohn: dafuer Hirnentzug.
Das hätte Goethe womöglich wirklich verschlüsselt aufgeschrieben!


Die 5. Zeile: Alle sind sie schon ertötet
Weitere gekünstelte Erklärungen, nur damit ein Anagramm mit der gewollten Bedeutung draus wird. Aber hier ist das gar nicht mehr verzeihlich: das Wegnehmen oder Hinzufügen von Buchstaben ist tabu! Unter keinen Umständen darf hier geschludert werden. Das ist der Ausweg der Ahnungslosen und Blender.
Deshalb gibt es nicht nur inhaltich schönere Anagramme, sondern auch formal richtige:

Alle sind sie schon ertötet = Deines Chor toente allseits.
Das hätte auch Goethe nicht schöner sagen können. Eine poetische Aussage zum Abschied, ein perfektes Anagramm, und sogar ein Genitiv, der die Beweisführung des Autors rot werden lässt.


Die 6. Zeile: See von ihrem Blut geröthet
Auf einmal ist es wieder wichtig, dass man von der Originalschreibweise ausgeht. Klar, sonst würden die Hirngespinste des Autoren auch nicht aufgehen. Einen Vers vorher war das Abändern der Buchstabenmenge überhaupt kein Problem. Dazu wird überhaupt nicht klar, warum Goethe sich nicht schon in der 3. Zeile hätte nennen sollen, da passen ebenfalls alle Buchstaben rein. Als Signatur bräuchte man das ja nicht, schließlich ist ja auch der Urtext von ihm geschrieben. Aber ich sollte mich nicht inhaltlich mit einem solchen Blödsinn befassen, das Anagrammatische hat schon genug Potential, Stuss zu entlarven.


Die sicherlich sensationelle anagrammatische Auflösung der Bedeutung dieser Zeilen setzt sich hier fort:
See von ihrem Blut geröthet = Stehvermoegen? Buhlerei? Tot!
Es ging um Sex, dazu gibt es in den ganzen Zeilen viel zu viele Hinweise.


See von ihrem Blut geröthet = Toter geheim verlobt. Suehne.
Das wär auch noch was. Naja, jedenfalls sind diese sarkastischen Hinweise weitere Belege, wie weit einen die eigenen fixen Ideen zu unsinnigen Interpretationen führen.


Fazit: Immer wieder scheinen Menschen sich berufen zu fühlen, anagrammatische Bedeutungen in Worte, Verse, Aussagen etc. hineinzudeuteln. Im vorliegenden Fall geschieht das auf bekannte Art und Weise von Verschwörungstheoretikern, selbsternannten (Para-)Wissenschaftlern, Esoterikern usw.  Speziell in diesem
geschilderten Fall ist dem Menschen überhaupt nicht klar, dass man praktisch JEDE Interpretation in die Texte packen kann, vorausgesetzt man will das und man macht sich dann auch die Mühe. Zum Spaß kann man das ja auch gerne machen. Eine allgemeine Wahrheit daraus machen zu wollen ist unlauter, unwissenschaftlich,
und in letzter Konsequenz dumm. Aber womöglich ist das genau das Richtige für diese Leserschaft...
Add your Comment [* ~ Pflichtfelder]
NickName (*)
eMail
ICQ
HP [URL;Titel]
   
Headline
Comment (*)
 
Latest News:

2012-01-06 16:40:35 Ein neues Jahr

2011-10-14 20:28:01 Humor. Verschiedener.

2011-07-20 17:44:06 [no title]

2011-03-10 19:35:28 Selbstverteidigungsminister. Auch geklaut.

2011-02-10 19:41:16 Anagramme, nicht bei jeder Gelegenheit

2009-10-24 22:22:17 Wahlen, Wahlen, Wahlen

2009-08-23 11:57:43 [no title]

2009-05-07 19:31:49 wieder mal eine Auszeichnung

2009-03-13 16:31:17 Amok und Gier

2008-12-26 13:22:42 Jahresabschluss

2008-08-16 15:42:35 die Oympischen Spiele

2008-04-24 20:25:58 Neues

2008-01-02 01:35:49 Korkenknallen

2007-11-11 14:59:16 Unmut

2007-10-19 21:40:07 Cartoons

2007-06-30 15:05:07 T-Elekom

2007-06-27 13:51:26 Dilettanten

2007-05-26 21:09:18 Geruchskonserven

2007-04-28 13:08:24 Achtung, Staat liest mit.

2007-03-21 20:48:32 Shareholder Values

2007-03-07 19:46:36 Amnetisch offenbar

2007-02-04 20:50:14 Weltmeister

2007-01-15 10:15:49 Alltag droht dann wieder...

2007-01-08 22:09:20 Alphametics

2006-12-26 15:57:29 Weihnachten in Stenkelfeld , nee, in Ostfriesland

2006-12-10 19:38:46 kurz vor Weihnachten

2006-11-15 17:18:54 Federlinchen und Britney

2006-10-05 10:38:44 kurz vorm Urlaub

2006-09-18 16:34:36 Dummschwatz-Blog

2006-09-10 15:44:04 [no title]